Synonymes

Mittwoch, 5. Februar, 18.00 und 20.30 Uhr

Israel/Frankreich/Deutschland 2019; Regie: Nadav Lapid; Darsteller*innen: Tom Mercier, Quentin Dolmaire, Louise Chevillotte, Uri Hayik, Léa Drucker; FSK: ab 12; 123 Minuten

Yoav hat keinen guten Start in Paris. Die Wohnung, an deren Tür er klopft, ist leer. Als er dort ein Bad nimmt, werden seine Sachen gestohlen. Dabei ist der junge Israeli mit höchsten Erwartungen hierher gekommen. Er will so schnell wie möglich seine Nationalität loswerden. Israeli zu sein, ist für ihn eine Be- lastung, seine Landsleute nerven ihn ebenso wie die Besuche auf der israelischen Botschaft. Franzose zu werden hingegen bedeutet für ihn die Erlösung. Um seine Herkunft auszulöschen, versucht Yoav die Sprache zu ersetzen. Kein hebräisches Wort soll mehr über seine Lippen kommen, stattdessen setzt er alles daran, sein Französisch zu vervollkommnen. Das Wörterbuch wird zum ständigen Begleiter auf seinen ziellosen Streifzügen durch Paris. Halt findet er scheinbar bei Caroline und Emile, einem jungen französischen Paar, mit dem er sich anfreundet. Doch ihr Interesse an seiner Person scheint nicht ganz selbstlos zu sein…

Basierend auf eigenen Erfahrungen erzählt Nadav Lapid hintergründig und mit trockenem Humor von der Schwierigkeit neue Wurzeln zu bilden. Der Versuch zu sich selbst zu finden, weckt die bösen Geister der Vergangenheit und existenzielle Abgründe tun sich auf. Eine tragikomische Hommage an die Nouvelle Vague, ein rauschhafter Trip durch das Paris von heute, eine unsentimentale Geschichte über den Versuch in einem neuen Leben anzukommen. Auf der Berlinale 2019 wurde dieser mutige Film mit dem Hauptpreis, dem Goldenen Bären, ausgezeichnet.

Born in Evin

Mittwoch, 29. Januar, 18.00 und 20.30 Uhr

Deutschland 2019; Dokumentarfilm; Regie: Maryam Zaree; FSK: keine Angabe; Prädikat: besonders wertvoll; 96 Minuten

Die Filmemacherin Maryam Zaree geht in ihrem Dokumentarfilm den ungewöhnlichen Umständen ihrer eigenen Geburt nach. Sie wurde in einem der berüchtigsten politischen Gefängnisse der Welt geboren. 1979 wurde der Schah und damit auch die Monarchie Irans gestürzt. In der Folge ließ der neue religiöse Führer, Ayatollah Kohmeni, nach seiner Machtergreifung Zehn- tausende politische Gegner verhaften und ermorden. Unter den verfolgten Menschen befanden sich auch die Eltern von Maryam, die trotz der schwierigen Umstände die Gefangenschaft überlebten und anschließend nach Deutschland flohen. Bis heute wurde innerhalb der Familie nicht über die Verfolgung und die Zeit im Gefängnis gesprochen. Maryam Zaree war das Schweigen satt und wollte sich ihre Fragen nach dem Ort und den prekären Umständen ihrer Geburt selbst beantworten. Dabei trifft sie auch andere Überlebende, die wie sie in Gefangenschaft geboren wurden.

Dogman

Mittwoch, 22. Januar, 18.00 und 20.30 Uhr

Italien 2018; Regie: Matteo Garrone; Darsteller*innen: Marcello Fonte, Edoardo Pesce, Alida Baldari Calabria, Nunzia Schiano; FSK: ab 16; 102 Minuten

Der Hundefriseur Marcello, der von allen nur Dogman genannt wird, lebt mit seiner Tochter Alida in dem trostlosen Vorort einer süditalienischen Küstenstadt ein bescheidenes, aber glückliches Leben. Seine Nachbarschaft mag und akzeptiert den sanftmütigen und ruhigen Mann, was ihm sehr wichtig ist. Doch sein bisheriges harmonisches Leben wird durch den ehemaligen Boxer Simone bedroht, der den gesamten Ort tyrannisiert. Mar- cello zeigt sich dem drogenabhängigen, außer Kontrolle geratenen Mann anfangs noch loyal gegenüber, obwohl ihn dieser ständig demütigt. Doch ein bitteres Ereignis, nach dem Marcel- los Nachbarn ihn nicht mehr respektieren, zwingt den Hundefriseur zu drastischen Maßnahmen. Er schmiedet einen furchtbaren Plan, um sich gegen Simone zu wehren und um seine Würde zurückzugewinnen.

DOGMAN lief 2018 auf den Filmfestspielen in Cannes. Für seine berührende Darstellung wurde Marcello Fonte in Cannes mit dem Darstellerpreis ausgezeichnet, völlig zurecht, ist er es doch, der Matteo Garrones Film Leben einhaucht.

Zwischen den Zeilen

Mittwoch, 15. Januar, 18.00 und 20.30 Uhr

Frankreich 2019; Regie: Olivier Assayas; Darsteller*innen: Juliette Binoche, Guillaume Canet, Vincent Macaigne, Nora Hamzawi; FSK: ab 6; 107 Minuten

Der Lektor Alain ist in seinem Job überaus erfolgreich und leitet einen Pariser Verlag. Doch die Branche befindet sich im Wandel, und Alain hat zunehmend Schwierigkeiten, seinen Verlag der Digitalisierung anzupassen. Die attraktive junge Mitarbeiterin, die mit der Digitalisierung beauftragt ist, wirkt da schon viel interessanter. Doch das ist nicht sein einziges Problem. Auch mit dem Manuskript seines langjährigen Autors Léonard ist er nicht zufrieden, denn er hat mal wieder eine Affäre in Buchform verarbeitet und die Bezüge zur Realität mehr schlecht als recht verschleiert. Doch Alains Frau Selena, die auch als Schauspielerin am Theater arbeitet, hat eine ganz andere Sicht auf die Dinge. Denn ihr gefällt Léonards Arbeit, vielleicht aber auch nur, weil sie selbst mit einer Affäre in die brisante Angelegenheit verwickelt ist …

Regisseur Olivier Assayas zeichnet mit leichter Hand ein feines Sittenbild des intellektuellen Pariser Literaturbetriebs. Subtil legt er die Doppelleben seiner Helden offen und zeigt in treffenden Dialogen, wie vieles doch gleich bleibt, selbst wenn ständig von Veränderungen die Rede ist. Geistreich und mit Witz diskutiert man über Dichtung und Wahrheit sowie den kulturellen und digitalen Wandel und sieht dabei entspannt über das eigene zweifelhafte frivole Handeln hinweg. Ein großes Vergnügen!

Der Glanz der Unsichtbaren

Mittwoch, 8. Januar, 18.00 und 20.30 Uhr

Frankreich 2018; Regie: Louis-Julien Petit; Darsteller*innen: Audrey Lamy, Déborah Lukumuena, Corinne Masiero; FSK: ab 6; 102 Minuten

Der Regisseur siedelt seine Geschichte in einer Tagesstätte für obdachlose Frauen an. Täglich bemühen sich dort vier Sozialarbeiterinnen – manche festangestellt, manche ehrenamtlich – um ihre Schützlinge, sorgen für warme Mahlzeiten und Duschen, versuchen sie bei einer Rückkehr in einen geregelten Alltag zu begleiten. Doch nur vier Prozent der betreuten Frauen gelingt es, von der Straße wegzukommen, wie die Stadtverwaltung eines Tages warnend feststellt. Der Einrichtung droht das Aus.

Als dann noch ein illegales Zeltlager von der Stadt geräumt wird, müssen die Sozialarbeiterinnen handeln. Die wohnungslosen Frauen schlagen verbotenerweise nicht nur ihre Schlafstätten in dem Zentrum auf, Sozialarbeiterin Audrey kommt auch auf die Idee, die Frauen in ihren Fähigkeiten und Qualifikationen zu schulen. Jene, die sich aus Scham Tarnnamen wie Lady Di, Brigitte Macron oder Edith Piaf gegeben haben, erobern sich so ihre Identitäten zurück, die lange verborgen waren.

Als größter Gewinn erweist sich dabei die gute Besetzungsentscheidung. Die Rollen werden überwiegend von Frauen verkörpert, die selbst wohnungslos waren. Voller Wärme gelingt dem Regisseur damit eine ungewöhnliche Symbiose von Sozialdrama und Komödie.

Deutschstunde

Mittwoch, 1. Januar, 18.00 und 20.30 Uhr

Deutschland 2019; Regie: Christian Schwochow; Darsteller*innen: Tobias Moretti, Ulrich Noethen, Levi Eisenblätter, Tom Gronau; Prädikat: besonders wertvoll; FSK: ab 12; 125 Minuten

Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sitzt Siggi Jepsen im Jugendarrest auf einer Elbinsel und soll in der Deutschstunde einen Aufsatz über „Die Freuden der Pflicht“ schreiben. Doch weil ihm das nicht gelingt, muss er die Aufgabe am nächsten Tag in einer Zelle nachholen.

Dort schreibt er seine Erinnerungen an seinen Vater Jens Jepsen auf, der als Dorfpolizist in Norddeutschland stets unerbittlich seine Pflicht erfüllt hatte. Während der Zeit des Nationalsozialismus hatte der Vater den Auftrag, seinem Jugendfreund, dem von den Nazis als „entarteter“ Künstler verfemten Max Ludwig Nansen, ein vom Regime verhängtes Malverbot mitzuteilen und die Einhaltung zu überwachen. Der Junge soll ihm dabei helfen. Doch Nansen hält sich nicht an das Berufsverbot, malt weiter und vertraut dabei auf die Hilfe des Elfjährigen, der sein Patensohn ist.

Den inneren Konflikt des Siggi Jepsen, der von seinem pflichtbesessenen Vater als Spitzel eingesetzt wird und sich irgendwann widersetzt, macht der Film ebenso greifbar wie die Situation des Malers, der seine künstlerische Freiheit über das Malverbot stellt. Dialoge und Gesten sind reduziert, das große Drama geschieht unterschwellig und ist doch als konstante Bedrohung spürbar, was auch an der großartigen Ensembleleistung liegt. (FBW)